Studie: Pflegeinfrastruktur in Gelsenkirchen

Gütersloh/Gelsenkirchen. Seit dem Bestseller „Lügen mit Zahlen“ wissen wir, dass man mit Zahlen eine Menge belegen kann, so wie es einem gefällt. Der SPD-Mehrheitsfraktion in Gelsenkirchen scheint es angesichts der Äußerung ihres sozialpolitischen Sprechers Axel Barton in der WAZ zu gefallen, wenn Gelsenkirchen in einer Tabelle ein Mal ganz oben auftaucht. „Mal eine Tabelle mit Gelsenkirchen an der Spitze!“, freut sich Axel Barton.

Ob sich dieses Bedürfnis der SPD, die gern auf den Schalke 04 Bezug nimmt, sich aus dem derzeitigen drittletzten Tabellenplatz des Fußballclubs ableitet, mag dahinstehen. Im Allgemeinen schneidet Gelsenkirchen – bei welcher Statistik auch immer – in der Regel schlecht ab.

Pflegeinfrastruktur – ein Spitzenplatz in „einer“ Tabelle?

Wer Axel Barton kennt, weiß, dass er sich durchaus eines gewissen Humors rühmen dürfte, dies aber aus Bescheidenheit nicht tun würde. Wenn er nun Bezug nimmt auf „eine Tabelle“ in einer überregionalen Studie, sich ansonsten aber auf die Erfahrungen aus dem Sozialausschuss stützt, wird klar, dass er wirklich nur eine Tabelle meint, in der Gelsenkirchen seiner Ansicht nach gut dastehen könnte.

Ein Blick in die Studie von Bertelsmann/Prognos zur Pflegeinfrastruktur in Deutschland offenbart schließlich, dass es mehr als nur eine Tabelle gibt. Es gibt neunzehn Tabellen zum regionalen Vergleich bei der Pflegeversorgungssituation.

Auf der Suche nach der von Axel Barton angesprochenen Spitzenposition bedarf es einer Eingrenzung des Themas: „Es ist erfreulich, dass eine überregionale Studie feststellt, dass die Pflegesätze hier besonders günstig sind. Da bekommen wir endlich einmal eine Tabelle präsentiert, in der Gelsenkirchen sehr gut abschneidet“, sagt er.“ Und weiter: Dass „diese günstigen Sätze nicht zu Lasten der Qualität der Pflege und der Einrichtungen gingen. 324 Tage können die Senioren demnach im Schnitt einen stationären Pflegeaufenthalt aus eigener Tasche bezahlen, nur für 41 Tage muss die Allgemeinheit aufkommen.“

Tatsächlich spricht Axel Barton damit mehrere Tabellen an. Seine Aussage zu einem Spitzenplatz in einer Tabelle ist damit geflunkert.

Gelsenkirchen – die tatsächliche Lage in der Studie

In der Prognos-Studie betreffen die Aussagen von Axel Barton mehrere Auswertungen, die in mehreren Tabellen ihren Niederschlag gefunden haben. In der Summe könnte man die Aussage aus der Studie als Fazit voranstellen, wenn es heißt: „Die Pflege in einer stationären Einrichtung ist insbesondere in Nordrhein-Westfalen, aber auch im Saarland und vielerorts in Baden-Württemberg vergleichsweise kostenintensiv. Hingegen sind in den neuen Bundesländern – mit der Ausnahme von Berlin – und insbesondere in Niedersachsen die Preise für professionelle Pflege vergleichsweise niedrig.“

Das bedeutet doch schon einmal, dass die Tabelle in „Abbildung 19: Preisindex für stationäre Pflegeeinrichtungen“ optisch verdeutlicht, dass ganz NRW –   und damit auch Gelsenkirchen – im orange-roten Bereich der höchsten Euro-Preise zwischen „130 und 153 Euro“ liegt.

Gelsenkirchen in den roten Zahlen
Gelsenkirchen in den roten Zahlen

Falsifizierung Kaufkraft?

Schaut man dann zur Verdeutlichung der Aussage auf die Bezahlbarkeit „aus eigener Tasche“ in die Tabelle „Abbildung 13: Reale Kaufkraft für professionelle Pflege„, so befindet sich Gelsenkirchen nicht mit Gesamt-NRW auf dem letzten Platz, sondern Gelsenkirchen belegt – mit 305 bis 335 Tagen – den vorletzten Platz (fast wie im Fussball). Zusammen mit „Abbildung 12: Kosten je Versorgungsstunde in stationären Pflegeeinrichtungen“ landet Gelsenkirchen wieder mit NRW – mit „46 – 57 Euro“ auf dem letzten Platz.

Verifizierung Qualität über den Sozialausschuss?

Axel Barton beruft sich hinsichtlich der Qualität nicht auf die Studienergebnisse, sondern auf seine Erfahrungen aus dem Sozialausschuss. Interessanterweise nimmt er die Studienergebnisse nicht zum Anlass seine dort – wie auch immer – gemachten Erfahrungen zu revidieren. Denn das müsste er, angesichts der Studienergebnisse tun.

Dies Ergebnisse belegen in „Abbildung 7: Note für „Pflege und medizinische Versorgung“ und „Umgang mit demenzkranken Bewohnern“ in stationären Einrichtungen“, dass Gelsenkirchen – aus dem guten Durchschnitt in NRW herausfällt und – mit zwei anderen Städten einen vorletzten Platz einnimmt. Bei den Ambulanten Leistungen „Abbildung 8: Note für „pflegerische Leistungen“ und „ärztlich verordnete pflegerische Leistungen“ ambulanter Pflegedienste“ landet Gelsenkirchen hingegen glatt auf dem letzten Platz.

Fazit

Warum die WAZ für die SPD-Mehrheitsfraktion eine derart unkritische Berichterstattung – als Hofberichterstattung – macht, wissen möglicherweise noch nicht alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Es wird aber immer deutlicher, dass die Redaktion derart ungeprüfte Jubelarien offenbar immer wieder publiziert. Der Grund dafür findet sich in den Berichten von Journalistenverbänden zur Frage von Hofberichterstattung als Mittel von Firmen- und Kommunalpolitik.

Prof. Meier: „Am stärksten wird ein unabhängiger, unparteilicher Journalismus erwartet. Die Leserinnen und Leser sind recht sensibel und merken schnell, ob ein Artikel beeinflusst wurde, einseitig dargestellt ist oder werbenden Charakter hat. Sie wollen einen mutigen Journalismus, der die Mächtigen kontrolliert“. „Das Publikum orientiert sich an hehren Zielen und Idealen: Es erwartet Themenkompetenz, Recherchesicherheit und korrekte Fakten.“

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