Städteplanung als Herrschaftsinstrument

Gelsenkirchen. Günter Pruin (SPD) hat den Stadtumbau an der Ebertstr. jüngst mit einer Aussage bekräftigt, die aufhorchen lässt:

„Auf den Wunsch nach einer Sichtachse zwischen Hans-Sachs-Haus und Musiktheater, zwischen Politik, Verwaltung und Kultur, weist der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Günter Pruin hin: „Wenn man sieht, wie sich Rechtspopulisten am Tag der Deutschen Einheit in Dresden verhielten, ist das ein Kriterium.“ WAZ

Stadtplanung in Gelsenkirchen und politische Herrschaft. Gelsenkirchen schwingt sich mit dieser SPD-Verortung zur international anerkannten Größe und Höhe des Zusammenhangs von Stadtplanung und Herrschaftsinstrument auf; und muss sich dementsprechend die hieran geäußerte Kritik fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz als Schwäche des Systems gefallen lassen.

Bitte gehen Sie in diese Richtung... Bitte halten Sie die Planungsvorgabe ein. Menschen den Weg weisen...
Bitte gehen Sie in diese Richtung… Bitte halten Sie die Planungsvorgabe ein. Menschen den Weg weisen…

Die Kritik lässt sich so skizzieren:

  • Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte – Anstiftung zum Unfrieden – Leseprobe
    Die Stadt als Prägestock, der Anpassung verlangt. Sie trägt „Mitschuld daran, dass ein interesseloser Bürger >stumpf, anspruchsvoll, resssentimentgeladen< (S. 96) …Besprechung
  • Anatomie einer Selbstdemontage – S. 159 unten: „Die Prägekraft eines städtebaulichen Vorschlags verblasst in den Netzen von Determinanten und Interessen, in denen die gebaute Realität ihre Konturen annimmt. Diese Schwäche zu beheben, verlangt einen Fokus auf die Kontexte, in denen Architekten entwerfen, auf die Instrumente und Methoden, derer sie sich bei ihrer Arbeit bedienen, sowie des Umfelds, in welchem die Realisierungen anstehen.“ – „Im Grunde geriert sich der Urbanist weiterhin als Herr der Pläne.“ – „An Städten bauen bedarf deshalb eines Sensoriums für das Politische und Prozessuale. Hier war die Moderne schon einmal weiter, als es urbanistische Reflexionen heute sind.“ (S. 160)…die Schaffung von Räumen und Nutzungsordnungen…“es herrscht ein Vakuum an Vorstellungen darüber, wie denn zwischen den Planwelten und dem Kontext, in welchem sie stattfinden, vermittelt werden kann.““Diese Fixierung auf Endzustände weigert sich, die Umsetzung von Plänen als mehr zu begreifen denn als eindeutige Übersetzung von Planvorgaben.“
  • Die Inszenierung der Alltagswelt. Kritik: S. 60 ff (69): Planungsmaßnahmen mit dem Ziel der Systemstabilisierung
  • Susanne Frank: “ Insofern Städtebilder für eine bestimmte Ordnung der Welt stehen, führen sie immer auch Vorstellungen von einer bestimmten Ordnung der Geschlechter mit. Umgekehrt gilt: Unordnung in den Geschlechterverhältnissen lässt darauf schließen, dass etwas mit der Stadt oder der Welt nicht in Ordnung ist.“

    Sichtachse dient der Überwachung und Steuerung von Menschen
    Sichtachse dient der Überwachung und Steuerung von Menschen
  • Die politische Instrumentalisierung der Stadtplanung ist ein in der gegenwärtigen Planungswissenschaft nur wenig beachtetes Feld. Die Vorstellung einer Stadtplanung als unvoreingenommenes und rationales Instrument der Verwaltung zum räumlichen Ausgleich und zur Verbesserung von Lebensbedingungen wird in jüngster Zeit zunehmend durch kritische Positionen in Bezug auf die gesellschaftliche Rolle der Stadtplanung, ihre Kontextgebundenheit, ihre Legitimation, ihren Auftrag und damit auch ihren Bezügen zu privaten Interessen und politischer ebenso wie ökonomischer Macht ergänzt.“
  •  Die Kontruktion totalitärer Räume S. 3
  • Stadtplanung und Diktatur der Phlianthropen – Die lineare Stadt (S. 175)
  • Achsenmodelle S. 54 – Städtebauliche Leitbilder in der Kritik: „Da diese zweite Zielrichtung jedoch nicht direkt, sondern über den Einfluß räumlicher Strukturen wirkt, ist die Frage nach den Auswirkungen eines städtebaulichen Leitbildes auf ökologische und soziale Aspekte besonders relevant. Aufgrund der Komplexität der Wirkungsgefüge zeitigten in die Wirklichkeit umgesetzte Leitbilder oft Erscheinungen, die in der theoretischen Konzeption nicht beabsichtigt oder zumindest unterschätzt worden waren. Zum Teil waren diese unerwarteten Auswirkungen dadurch bedingt, daß die Konzeption des Leitbildes zu stark auf die unmittelbaren gegenwärtigen Mißstände abstellte und eine breitere Betrachtung der Wirkungsweisen früherer Konzepte ausblieb.“
  •  Lokale Presse als Herrschaftsinstrument. Kritik am Kommentar von WAZ-Lokal- und Chefredakteur Friedhelm Pothoff: „Das heißt: Bis Ende 2018 muss alles fertig sein. Sollte das nicht der Fall sein, steht die Androhung im Raum, die gesamten Fördergelder zurückzahlen zu müssen.“    Der Umbau ist notwendig | WAZ.de

PS. Günter Pruin (SPD) sieht sich missverstanden. Seine Sichtweise verdeutlicht er noch einmal gegenüber Hr. Pothoff von der WAZ. – Gemessen an seinen Aussagen müsste man das Musiktheater, ob seines Programms  und seines symbolischen gesellschaftlichen Stellenwerte rundum mit Bäumen bepflanzen. Auch um zu verdeutlichen, dass sich die Akzente verschoben haben. Kultur und Politik schaffen keine Transparenz in den städtischen Raum. Es bedarf hingegen einer anderen Zielsetzung, einer Verschiebung in Richtung Stadtklimaschutz. Das MiR sollte daher mittels der rundum angepflanzten Bäume – im Sinne Ruhnaus (S. 54) – eine Art Pausenvorhang erhalten, um die ursprünglichen Aspekte sichtbar neu zu gestalten, und um zu demonstrieren, dass der Leitgedanke der Demokratisierung durch die veraltete Dominanzpolitik der SPD (vorzeitige Auflösung des Jugendamtskandal-Ausschusses, Nichteinhaltung von Terminabsprachen zum Bürgerhaushalt) obsolet geworden ist.

Möglicherweise hatte Architekt Ruhnau zudem ursprünglich für das Musiktheater noch andere Inhalte im Kopf, zum Beispiel kritisches Schauspiel nach Art von Ionesco, Brecht und Co. Was heute daraus geworden ist, reicht bald nicht einmal mehr für den Mittelstand, der immer weiter in die Bedeutungslosigkeit abrutscht, bis er bald nicht mehr am aktiven Gesellschaftsleben teilhaben wird. (vgl. dazu die Forderung des Kölner Wirtschaftschaftsinstituts zum bedingungslosen Arbeitslosengeld wegen Industrie 4.0, anlässlich der derzeitigen Landtagsanhörung zum Bedingungslosen Grundeinkommen)

Dass gerade Günter Pruin (SPD) sich auf den Leitgedanken der Demokratisierung beruft, um die Herrschaftsstrukturen der SPD der Stadtgesellschaft, die andere Prioritäten des Stadtklimas setzt, aufzuoktroyieren, darf als Treppenwitz der Stadtgeschichte angesehen werden.

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