Philosophische Utopie statt Dementi im Fall Ückendorf

Gelsenkirchen/Mainz. Auf den Filmbeitrag, in der heute-Sendung um 14 Uhr vom 14.12.2015 im ZDF über Gelsenkirchen-Ückendorf, gibt es von der Stadt Gelsenkirchen bislang kein Dementi. In dem Eingangssatz des Filmbeitrages heißt es: „Gelsenkirchen-Ückendorf, Ortsmitte – ein Stadtteil ohne Zukunft“.

Am 15.12.2015 erscheint in der WAZ ein Artikel über Zukunft in Gelsenkirchen im Zusammenhang mit dem Institut für Arbeit und Technik (IAT Gelsenkirchen). Als „Ort des Fortschritts“ in Zeiten des Strukturwandels – Forschung für mehr Wohlstand und Lebensqualität.

Dementi mit einem Wort: „Gemeinleben“?

Natürlich wäre aus diesen beiden Sachverhalten heraus leicht denkbar, dass die Stadt über ihre Öffentlichkeitsarbeiter ein Dementi gegen den schwarzmalenden heute-Bericht verfassen lässt. Und tatsächlich gibt es auch eine Depesche der Stadt Gelsenkirchen mit dem Thema „Gemeinsam in Gelsenkirchen“. Zwar findet sich dort nicht direkt ein Dementi. Aber in der Berichtsmitte steckt ein Detail, dass so etwas wie ein poetisches Dementieren sein könnte, wenn man es denn überhaupt wahrnimmt.

Die poetische Wendung, die an eine philosophische Wandlung heranreicht, steckt nämlich – kaum wahrnehmbar – nur in einem Wort. Dieses Wort heißt „Gemeinleben“. Es findet sich tief mitten drin im Text in dem Satz des Oberbürgermeisters, der an die Bürgerinnen und Bürger appelliert: Toleranz und Respekt – „Das ist die Grundlage für ein städtisches Gemeinleben.“

Gemeinleben – gibt es das?

Interessanterweise kennt der DUDEN das Wort „Gemeinleben“ nicht. Auch bei „Wie-sagt-man-noch“ ist nur bekannt, dass das Wort nicht bekannt ist. „Das Wort Gemeinleben kommt noch in keinem unserer Artikel vor.“

Als Poet und Philosoph fällt es mir natürlich leicht bei derartig formalen Grenzziehungen nicht aufzugeben, sondern weiter zu suchen… Bis ich das Wort im Titel eines philosophischem Pamphlets gegen den Materialismus finde. „Vom Gemeinleben des Menschen mit der Natur“ von Othmar Spann, Wien; der im Jahr 1950 verstarb. Die Zeitschrift für philosophische Forschung teilt in diesem Zusammenhang einen kleinen Auszug aus dem Pamphlet mit. Dort wird unter I. Die Fragestellung aufgeworfen. Der Mensch als Fremdling in der Natur – oder ein empfindendes Wesen? Moderne Bildung, so der Autor, würde den empfindenden Menschen nur als Nebenprodukt ansehen. Für den Materialismus ist Empfindung eine Phosphoreszenz u. dergl. des Gehirns.

Was hat die Empfindung mit dem Dementi zu tun?

Karl Popper described two views on how the mind learn about the world. In bucket theory, the mind is a „container“ that is filled with content provided by senses. In the searchlight theory, the mind actively „picks out“ elements of reality and places them is a subjective perspective. The bucket in the image is inspired by a figure from Popper’s „Objective Knowledge“. The searchlight is an attempt to illustrate the searchlight mind in an analogical way.

Die Frage, was die Empfindung des Menschen mit seinem Zusammenleben in der Gemeinschaft des Stadtlebens (= Gemeinleben) zu tun hat, knüpft an die Frage von Werten an, die Gemeinschaft in Familie, Kita, Schule, Verein, Partei, Rathaus etc. vermittelt. Respekt und Toleranz allein können nicht die Basis für die Vermittlung der Werte sein. Träger der Vermittlung der Werte ist das Gemeinleben, die Empfindung. Im derzeitigen wissenschaftlichen Sprachgebrauch steht dafür der Begriff der Empathie bei gelingender Sozialisation, die Integration oder Inklusion sein kann.

Warum Gemeinleben, statt Empathie?

Fragt sich nur, wieso Oberbürgermeister Frank Baranowski in seiner Rede, vermittelt über die Öffentlichkeitsarbeiter der Stadt Gelsenkirchen, nicht das Wort Empathie benutzt, sondern den altbackenen Begriff des Gemeinlebens benutzt? Ich denke, das sollten wir den Redenschreiber „MS/OB/TS“ fragen.

Eine Vermutung habe ich jedoch. Indem das nicht im Duden zu findende Wort Gemeinleben benutzt wird, existiert es quasi nicht; damit entsteht ein interkultureller, freier Sprachraum, der gemeinsam gefüllt werden kann. Ein Raum, in dem die aufgegebene, alte Tradition aus der eigenen Kultur, durch Anforderungen an ein gemeinsames Leben zwischen den Kulturen, wiederauflebt; und auf diese Weise ein unbenutztes vorurteilsfreies Wortverständnis Raum gibt für gemeinsame Interpretationen.

Denn eins ist ja klar: Wenn der Materialismus über den Idealismus in der Weise obsiegt hat, dass der Duden das Wort Gemeinleben nicht mehr kennt, kann die Idee des Gemeinlebens, aus der gemeinsamen Entdeckung verschiedener Kulturkreise, in die Wortschöpfung hineinwachsen. Das wäre bei dem Wort der Empathie nicht möglich, die eine festgelegte Bedeutung im Kulturkreis der Moderne hat. Folglich kann die so gefüllte Empathie altertümlich Gewesenes und kulturell Anderes nicht in sich aufnehmen.

Fazit

Die Zukunft wird zeigen, ob diese Wortschöpfung als Teil eines mutigen Zukunftskonzeptes in die Geschichte eingehen wird.

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